Beobachtet und direkt abgestempelt. Gefährliche Urteilsverzerrungen im Arbeitsalltag

Versetzen Sie sich bitte in folgende Situation:

Sie sind Teil eines bereichsübergreifenden Projektes mit einer neuen Projektleitung. In den letzten Tagen beobachten Sie, dass Deadlines kurzfristig durch die Projektleitung verschoben werden, Rückmeldungen verzögert kommen und Meetings angespannt wirken. Auf Nachfragen antwortet die Projektleitung nur sehr knapp und delegiert Konflikte zurück ans Team.

Was geht Ihnen im ersten Moment durch den Kopf?

  • „Unprofessionell.“?
  • „Schlechtes Zeitmanagement.“?
  • „Nicht belastbar.“?
  • „Überfordert.“?
  • „Führungsschwach.“?
  • „Einfach nicht geeignet für die Rolle.“?
  • ??
drei Personen am Tisch bei angespannter Stimmung, eine zeigt verurteilend auf den anderen

Selten denken wir im ersten Moment über folgendes nach:

 

Vielleicht …

… wurde ihr Projektbudget kurzfristig gekürzt, ohne dass die Ziele angepasst wurden.

… steht die Projektleitung unter massivem Erwartungsdruck von zwei unterschiedlichen Hierarchieebenen.

… musste die Person am Morgen einen familiären Notfall organisieren und ist gedanklich noch nicht vollständig im Meeting.

… pflegt sie parallel ein schwer erkranktes Elternteil und hat seit Tagen kaum geschlafen.

… ist ihre angespannte, distanzierte Art im Meeting Ausdruck davon, dass sie versucht, ihre emotionale Belastung zu kontrollieren und vor ihren Kolleginnen und Kollegen professionell zu bleiben.

All diese Szenarien sind realistisch. Und keines davon ist von außen sichtbar. In Situationen wie diesen zeigt sich immer wieder ein klassisches Phänomen der Sozialpsychologie:

 

Der fundamentale Attributionsfehler

Wir beobachten ein Verhalten, das uns irritiert oder missfällt und schreiben es vorschnell der Persönlichkeit oder dem Charakter einer Person zu. Situative Rahmenbedingungen werden dabei schnell vernachlässigt (1):
  • Person X kommt wiederholt verspätet zu Meetings.
    • Die Person ist unzuverlässig.
  • Jemand meldet sich kaum zu Wort.
    • Die Person hat keine Meinung.
  • Jemand stellt viele kritische Rückfragen zu einem neuen Konzept.
    • Die Person ist negativ und nicht veränderungsbereit.
Erkennen Sie sich in einem der Muster wieder?
weißer Kopf, aus dem Puzzleteile fliegen

Dieses Denk- und Bewertungsmuster ist psychologisch gut belegt und beeinflusst unseren Alltag weit häufiger, als uns bewusst ist (2, 3). Es handelt sich dabei weder um einen Einzelfall noch um ein Zeichen von bösem Willen oder mangelnder Empathie. Vielmehr ist es ein automatischer Urteilsprozess, der innerhalb von Sekundenbruchteilen abläuft (4, 5).  Meist unbemerkt.

Bemerkenswert ist, dass wir bei uns selbst häufig anders urteilen. Während wir das Verhalten anderer schnell als Ausdruck ihrer Persönlichkeit interpretieren, beziehen wir bei eigenen Fehlern deutlich stärker die Umstände mit ein (6, 7). Kommen wir selbst zu spät, liegt es „am Verkehr“, „an der Terminverdichtung“ oder „an einer Ausnahmesituation“ – selten an unserer mangelnden Zuverlässigkeit.

 

Der Akteur-Beobachter-Effekt: Warum wir mit zweierlei Maß messen

Ein eng verwandtes Phänomen ist der sogenannte Akteur-Beobachter-Effekt (8).  Als Beobachtende neigen wir dazu, das Verhalten anderer Personen auf stabile Eigenschaften zurückzuführen („Er ist unstrukturiert“, „Sie ist unzuverlässig“) Als Handelnde, also wenn es um unser eigenes Verhalten geht, betonen wir hingegen deutlich stärker die Umstände: („Heute war einfach chaotisch“, „Ich hatte mehrere dringende Themen parallel“)
 
Egoistisch?
 
 
Hand hält eine Lupe über drei stehende Personen vor weißem Hintergrund, davon eine Person im Fokus
Vermutlich viel mehr ein Ausdruck der Struktur menschlicher Informationsverarbeitung und grundlegender motivationaler Tendenzen:
 

1.Wahrnehmungsfokus: Wir sehen die Person, nicht den Kontext

Wenn wir andere beobachten, richtet sich unsere Aufmerksamkeit primär auf die handelnde Person. Ihr Verhalten tritt deutlich hervor, während die situativen Rahmenbedingungen im Hintergrund oder unsichtbar bleiben. Bei uns selbst erleben wir hingegen die gesamte Kulisse des Kontextes mit: Zeitdruck, Zielkonflikte oder private Belastungen. Unser eigener Handlungsspielraum ist dadurch viel stärker situativ eingebettet.

2. Informationsasymmetrie: Wir wissen mehr über uns selbst

Als Handelnde haben wir unmittelbaren Zugang zu unseren Beweggründen, inneren Zuständen und früheren Erfahrungen in ähnlichen Situationen. Beobachtenden steht hingegen lediglich das sichtbare Verhalten zur Verfügung. Mögliche situative Einflussfaktoren sind nicht direkt zugänglich und müssten aktiv rekonstruiert werden. Ohne zusätzliche Informationen liegt es daher nahe, das Verhalten auf stabile Eigenschaften zurückzuführen.

 

3. Ökonomie des Gehirns: Wir sind „kognitive Geizhälse“

Unser Gehirn arbeitet energieeffizient. Komplexe Situationsanalysen kosten mentale Ressourcen: Aufmerksamkeit, Zeit und kognitive Verarbeitungskapazität.
Persönlichkeitszuschreibungen hingegen sind schnell verfügbar und mental weniger anspruchsvoll als differenzierte Analysen der gesamten Situation (9). Unter Zeitdruck oder Stress verstärkt sich dieser Effekt zusätzlich, da weniger kognitive Ressourcen zur Verfügung stehen.

 

4. Sicherheitsbedürfnis: Wir wollen Kontrolle und Vorhersehbarkeit

Menschen streben nach Orientierung und Vorhersehbarkeit, um sich in einer komplexen Umwelt sicher zu bewegen (10). Persönlichkeitszuschreibungen unterstützen dieses Bedürfnis. Wird Verhalten auf stabile Eigenschaften zurückgeführt, erscheint es erklärbarer und vermittelt uns ein Gefühl von Kontrolle. Kategorien schaffen Ordnung, vereinfachen jedoch häufig die Realität. Die Aussage „So ist er eben“ reduziert Komplexität, wird dem Zusammenspiel aus Person und Situation allerdings nicht ausreichend gerecht.

 

5. Selbstwertschutz: Wir möchten ein positives Bild von uns selbst bewahren

Eigene Fehler situativ zu erklären, schützt unser Selbstbild. Wir sind motiviert, uns selbst als kompetent und handlungsfähig wahrzunehmen (11). Die Zuschreibung auf äußere Umstände bei unerwünschten Ereignissen hilft, dieses positive Selbstverständnis aufrechtzuerhalten.

Vorschnelle Ursachenzuschreibungen sind kein Zeichen mangelnder Empathie, sondern ein Ausdruck menschlicher kognitiver Prozesse, insbesondere unter Zeitdruck und mentaler Belastung. Zwischen Beobachtung und Bewertung liegt oft nur ein Sekundenbruchteil. In diesem Moment entsteht ein Urteil (12).

Die zentrale Frage ist daher nicht, ob wir verzerrte Urteile fällen, sondern wie bewusst wir mit ihnen umgehen, denn aus Urteilen werden Erwartungen und aus Erwartungen Entscheidungen.

Welche Rolle Urteilsverzerrungen im Arbeitsalltag spielen und wie wir sie differenzierter hinterfragen können, beleuchten wir im kommenden Beitrag.

 

Quellen:

(1) Ross, L. (1977). The intuitive psychologist and his shortcomings: Distortions in the attribution process. In L. Berkowitz (Hrsg.), Advances in Experimental Social Psychology (Bd. 10, S. 173–220). Academic Press.

(2) Jones, E. E., & Harris, V. A. (1967). The attribution of attitudes. Journal of Experimental Social Psychology, 3(1), 1–24.

(3) Gilbert, D. T., & Malone, P. S. (1995). The correspondence bias. Psychological Bulletin, 117(1), 21–38.

(4) Bargh, J. A., & Chartrand, T. L. (1999). The unbearable automaticity of being. American Psychologist, 54(7), 462–479.

(5) Fiske, S. T., & Taylor, S. E. (1991/1994). Social Cognition (2nd ed.). McGraw-Hill.

(6) Nisbett, R. E., Caputo, C., Legant, P., & Maracek, J. (1973). Behavior as seen by the actor and as seen by the observer. Journal of Personality and Social Psychology, 27(2), 154–164.

(7) Storms, M. D. (1973). Videotape and the attribution process: Reversing actors' and observers' points of view. Journal of Personality and Social Psychology, 27(2), 165–175.

(8) Jones, E. E., & Nisbett, R. E. (1971). The actor and the observer: Divergent perceptions of the causes of behavior. In E. E. Jones et al. (Hrsg.), Attribution: Perceiving the causes of behavior (S. 79–94). General Learning Press.

(9) Kahneman, D. (2011). Thinking, Fast and Slow. Farrar, Straus and Giroux.

(10) Heider, F. (1958). The Psychology of Interpersonal Relations. Wiley.

(11) Miller, D. T., & Ross, M. (1975). Self-serving biases in the attribution of causality: Fact or fiction? Psychological Bulletin, 82(2), 213–225.

(12) Tversky, A., & Kahneman, D. (1974). Judgment under uncertainty: Heuristics and biases. Science, 185(4157), 1124–1131.

 

 

Zurück

© 2026. CORNELIA TANZER | Datenschutz | Impressum | Cookie-Einstellungen

You are using an outdated browser. The website may not be displayed correctly. Close